Fußball

VAR, Chip und Nachspielzeit-Drama – Portugal zittert sich ins Achtelfinale

Cristiano Ronaldo tröstete Luka Modric nach dessen WM-Aus.
Cristiano Ronaldo tröstete Luka Modric nach dessen WM-Aus. – Sammy Kogan/The Canadian Press/AP/dpa

Kroatien raus, Portugal weiter- Modrics letztes WM-Spiel

Toronto hat in der Nacht des 3 Julis Fußballgeschichte erlebt. Portugal gewinnt das Sechzehntelfinale der WM 2026 gegen Kroatien 2:1 – aber das Ergebnis allein erklärt nicht annähernd, was im BMO Field in Toronto passiert ist. Es war ein Spiel mit vier aberkannten Toren, einem Elfmeter nach VAR-Eingriff und Aluminiumtreffern auf beiden Seiten. In der 13. Minute der Nachspielzeit sorgte Kroatien für einen vermeintlichen Ausgleich, der die Fußballwelt für Minuten in den Atem anhalten ließ. Am Ende entschied ein Chip im WM-Ball über das Weiterkommen.

Erste Hälfte – Portugal drückt, Kroatien steht

Die erste Halbzeit gehörte Portugal. Roberto Martínez schickte nach dem Kolumbien Spiel eine veränderte Elf auf den Rasen: João Neves und Rafael Leão rückten für Rúben Neves und João Félix in die Startelf. Kroatien-Trainer Zlatko Dalić veränderte dagegen nichts nach dem 2:1-Sieg gegen Ghana.

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Portugal bestimmte das Spiel von der ersten Minute an. Bruno Fernandes zwang Livakovic früh zur Parade, Renato Veiga köpfte nach einer Ecke von Nuno Mendes völlig frei über das Tor. Kroatien stand tief, lauerte auf Konter, kam aus dem eigenen Block aber kaum heraus. Kein einziger Schuss aufs Tor in der ersten Halbzeit für die Vatreni. Zur Pause stand es 0:0 – Portugal hatte gespielt, Kroatien hatte überlebt.

Zweite Hälfte – Das Feuerwerk beginnt

Was dann kam, war eines der verrücktesten K.-o.-Spiele dieser WM. Kroatien trat nach der Pause völlig verwandelt auf. Kovačić zwang Diogo Costa früh zu einer starken Parade, das Spiel öffnete sich. In der 53. Minute fiel das erste Tor: Ivan Perišić verwertete eine Flanke von Josip Stanišić, Portugal stand nicht gut, und der 35-Jährige schob eiskalt ein. 0:1 Kroatien.

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Direkt danach begann der VAR-Wahnsinn. Matanovič traf vermeintlich zum 2:0 – Abseits von Vlašić, Tor aberkannt. Daraufhin traf Leão den Querbalken mit einem Distanzschuss. Dann jubelte Portugal in der 61. Minute: Ronaldo nahm einen langen Ball perfekt an und hob ihn ins kroatische Tor – aber der VAR meldete sich, Ronaldo stand hauchdünn im Abseits. Kein Tor. Doch wenige Minuten später der nächste VAR-Eingriff: Vlašić hielt Veiga nach einer Ecke fest. So kam ein Elfmeter nach dem Videobeweis zustande.

Ronaldo traf. 1:1 in der 68. Minute, das erste Tor von Cristiano Ronaldo in einer K.-o.-Runde bei einer Weltmeisterschaft überhaupt. Nach 23 Jahren und zehn WM-Toren, alle in der Gruppenphase, endlich auch im K.-o.-Spiel. Mit 41 Jahren ist er damit der älteste Torschütze der WM-K.-o.-Phase der Geschichte.

Kroatien ließ sich nicht schocken. Kovačić traf in der 75. Minute den Pfosten. Sučić traf in der 80. Minute – aber stand im Abseits, Tor aberkannt. Drei kroatische Tore, alle nicht gegeben. Portugal drängte, fand den Weg ins Tor aber nicht.

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Das Tor – und der Chip im Ball

Dann, in der vierten Minute der Nachspielzeit, traf Portugal doch noch. Rafael Leão flankte an den langen Pfosten, Joker Gonçalo Ramos köpfte aus kurzer Distanz zum 2:1 ein. Toronto explodierte und Kroatien war am Boden.

Aber das Spiel war noch nicht vorbei. In der 13. Minute der Nachspielzeit flankte Perišić verzweifelt in den Strafraum. Mario Pašalić leitete weiter auf Joško Gvardiol – und der drückte den Ball ins Tor. Kroatische Spieler jubelten, kroatische Fans im Stadion rissen die Arme hoch.

Doch Schiedsrichter Espen Eskås unterbrach die Feier sofort. Der VAR prüfte und Minuten vergingen. Hatte Matanovič den Ball beim Kopfball in der Entstehung der Aktion berührt – oder nicht? Wenn ja, dann stand Pašalić im Abseits und das Tor zählt nicht. Wenn nein, wäre es ein reguläres Tor gewesen.

Den Beweis lieferte die Technologie im offiziellen WM-Ball Trionda. Der im Ball eingebaute Chip erfasst jede Berührung – Zeitpunkt, Stärke, Position. Die sogenannte Ausschlag-Grafik zeigte eindeutig: Matanovič hatte den Ball tatsächlich mit dem Kopf berührt. Damit stand Pašalić in dem Moment, in dem der Ball zu ihm kam, im Abseits. Das Tor zählte nicht- Portugal gewann 2:1.

Was wäre gewesen, wenn das Tor gezählt hätte?

Hätte Matanovič den Ball nicht berührt oder wäre die Berührung nicht nachweisbar gewesen – wäre Pašalić nicht als aktiv im Abseits gewertet worden. Das Tor hätte gezählt und es hätte 2:2 gestanden, Kroatien wäre in die Verlängerung gegangen. Mit dem Momentum der Nachspielzeit, einem völlig erschöpften Portugal und einem Modric, der auf dem Platz vielleicht sein letztes WM-Feuer entfacht hätte, wäre das Elfmeterschießen und ein kroatisches Weiterkommen mehr als möglich gewesen.

Wie haben beide Mannschaften reagiert?

Portugal-Trainer Roberto Martínez blieb nach dem Schlusspfiff äußerlich ruhig, wirkte aber sichtlich erleichtert. Gonçalo Ramos, sagte danach: Es war eine Wahnsinns-Auseinandersetzung. Und Ronaldo streifte sich nach dem Abpfiff das Trikot mit der Nummer 21 über – das Trikot von Diogo Jota, dem ehemaligen portugiesischen Nationalspieler, der vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Am 3. Juli jährte sich sein Todestag zum ersten Mal.

Kroatien war am Boden zerstört. Gvardiol stand fassungslos auf dem Rasen. Perišić, der das Tor des Abends erzielt hatte, konnte kaum glauben, was passiert war. Und Luka Modrić – 40 Jahre alt, zum letzten Mal bei einer Weltmeisterschaft – verlässt das Turnier ohne den Titel, den er sich seine ganze Karriere gewünscht hat. Trainer Dalić bestätigte nach dem Spiel, dass es für Modrić aller Voraussicht nach das letzte WM-Spiel war.

Was passiert jetzt?

Portugal trifft am Montag im Achtelfinale auf Spanien – den amtierenden Europameister, der Österreich zuvor mit 3:0 besiegte. Ein iberisches Duell auf höchstem Niveau. Für Kroatien ist das Turnier vorbei. Für Modrić auch. Eine Generation, die 2018 das WM-Finale erreichte und 2022 Dritter wurde, tritt mit einem bitteren Nachspielzeit-Drama ab – und einem Chip im Ball, der das Ende besiegelte.