Neues Jahr, neuer Anlauf: Bei der Jagd auf seinen ersten Grand-Slam-Titel hofft Alexander Zverev auch 2026 wieder auf den erlösenden Coup. Doch vor seinem ersten Auftritt bei den diesjährigen Australian Open in der deutschen Nacht zum Sonntag bekam der Weltranglisten-Dritte erst einmal aufgezeigt, wie lange er seinem großen Traum nun schon hinterherläuft.
«Ich bin damit aufgewachsen, ihn spielen zu sehen», sagte der Italiener Lorenzo Musetti zu Beginn der Woche bei einem Showkampf in Melbourne gegen Zverev. «Das tut weh», kommentierte der gebürtige Hamburger die nicht böse gemeinten Worte seines Kontrahenten lachend.
Finalniederlage im vergangenen Jahr
Doch wahr ist, dass Zverev schon viele Jahre auf der Tour unterwegs ist. Der Grand-Slam-Auftakt in diesem Jahr ist bereits seine zwölfte Teilnahme am Happy Slam Down Under. Im vergangenen Jahr war er dem großen Ziel in Melbourne ganz nah. Nach einem starken Turnier erreichte der 28-Jährige in der Rod Laver Arena das Endspiel, wo er sich dem Italiener Jannik Sinner in drei Sätzen geschlagen geben musste. Wieder war Zverev ganz nah dran, wieder klappte es nicht mit dem ersten Triumph bei einem Grand-Slam-Turnier.
Was folgte, war ein sehr durchwachsenes Jahr mit vielen sportlichen und gesundheitlichen Rückschlägen. Tiefpunkt war das Erstrunden-Aus in Wimbledon mit der anschließenden Erklärung, mentale Probleme zu haben. Zwar steigerte sich Zverev gegen Ende der Saison noch einmal, wirklich glücklich verabschiedete er sich nach den Enttäuschungen bei den ATP Finals und der Davis-Cup-Endrunde aber nicht in die kurze Tennispause.
Mit einigen Wochen Abstand erklärte er nun, er könne «auch ein bisschen stolz drauf sein», das Jahr «mit gefühlt zehn Verletzungen» als Nummer drei der Welt beendet zu haben. Wie sein Körper jetzt mitspielt, bleibt aber abzuwarten.
«Ich fühle mich besser und besser mit jeder Woche, aber einen Knochen gesund zu machen, das dauert einfach», sagte Zverev, ohne zu benennen, um welchen Knochen es sich handelt. Vergangenes Jahr habe es ihn «extrem» eingeschränkt. «Wir werden sehen, wie es jetzt ist».
Urlaub tut Zverev gut
Im Urlaub auf den Malediven hatte Zverev wieder Kraft getankt. Gemeinsam mit seiner Freundin Sophia Thomalla, Bruder Mischa und Kumpel Marcelo Melo genoss Zverev die Auszeit unter Sonne und Palmen und reiste so gelöst und guter Laune gegen Ende des Jahres nach Australien. «Ich fühle mich fit und ich habe auch das Gefühl, dass ich im Training sehr, sehr gut gespielt habe», sagte er zwei Tage vor dem schwierigen Auftakt gegen den Kanadier Gabriel Diallo.
Zwar verlief der United Cup zum Saisonstart in Sydney mit einem Sieg und einer Niederlage und dem damit verbundenen Aus des deutschen Teams in der Gruppenphase nicht wie gewünscht. Das Verpassen des Viertelfinals sorgte aber dafür, dass Zverev früh wie selten in Melbourne eintraf. Als einer der ersten Topstars absolvierte der Olympiasieger von 2021 in der Rod Laver Arena einige Trainingseinheiten, konnte sich so optimal auf die Bedingungen am Yarra River einstellen. «Ich fühle mich bereit, das Turnier zu starten», sagte er.
Spaß und Show in Melbourne
Der Showkampf gegen Musetti, wo er den ersten Satz im Tiebreak gewann, ehe der Italiener angeschlagen aufgeben musste, war ebenso eine willkommene Abwechslung wie der 1 Point Slam zwischen Amateuren und Profis. Dort scherzte Zverev mit seinem Kumpel Andrei Rubljow, lachte mit dem Weltranglisten-Ersten Carlos Alcaraz und hatte einfach eine gute Zeit.
Die Stimmung stimmt also, nun muss nur noch die Leistung passen. Tennis-Legende Boris Becker, zuletzt einer der größten Kritiker von Zverev, traut dem Weltranglisten-Dritten in Melbourne ein gutes Turnier zu. «Melbourne ist eigentlich ein gutes Pflaster für ihn. Aber er muss sich natürlich im Turnier finden», erklärte der Eurosport-Experte. Zverev habe bei seiner Jagd nach dem ersten Grand-Slam-Titel «wieder die Chance, es uns allen zu zeigen».
Zweifel bleiben
Becker hatte nach den vielen Enttäuschungen im vergangenen Jahr gefordert, dass sich Zverev einen neuen Coach suchen solle. Neuer Input sei nötig, um den nächsten Schritt zu machen.
Doch Zverev ist nach wie vor mit seinem Vater Alexander Zverev Senior als Coach unterwegs, auch sonst hat sich in seinem Umfeld nichts getan. Ob das reicht, um den beiden Dominatoren Alcaraz und Sinner wirklich gefährlich zu werden? Zweifel sind angebracht, ob Zverev mit Business as usual die Lücke zum Spitzenduo reduzieren kann und in Melbourne wirklich ein ernsthafter Anwärter auf den Titel sein kann.
Sollte es erneut nicht mit dem Grand-Slam-Triumph klappen, wird er es allen Frotzeleien von Musetti zum Trotz weiter versuchen. «Ich hoffe, dass ich noch eine lange Karriere haben werde», sagte Zverev. «Ich bin ja erst 28, noch keine 38.»

