Unter Trainer Branco Zebec (l) feierte Kevin Keegan (2. v l) 1979 mit dem HSV die deutsche Meisterschaft.

Beim Hamburger SV wurde der Engländer Kevin Keegan Ende der 70er Jahre zum Fanliebling. Der Stürmer, der wegen seiner Größe von 1,70 Metern den Spitznamen «Mighty Mouse» bekam, gewann mit den Hanseaten die deutsche Meisterschaft und gilt als Vereinslegende. Auch in seiner Heimat ist er ein Fußball-Idol. Schon vor einiger Zeit zog sich Keegan aus der Öffentlichkeit zurück. Vor seinem 75. Geburtstag am Samstag (14. Februar) kämpft er gegen den Krebs.

Magath drückt die Daumen

«Das war eine furchtbare Nachricht», sagte Keegans ehemaliger Teamkollegen Felix Magath der Deutschen Presse-Agentur. «Kevin Keegan war als Spieler schon ein ganz starker Mann und ich hoffe, dass er die Situation in den Griff kriegt und dass es ihm gelingt, die schwere Krankheit zu besiegen!»

Im Januar hatte Keegans Familie die Diagnose öffentlich gemacht, nachdem er wegen anhaltender Beschwerden im Bauchbereich untersucht worden war. Nähere Details wurden nicht genannt. Nach Bekanntwerden der Erkrankung kamen Genesungswünsche aus allen Richtungen.

«Die Gedanken und die Unterstützung aller beim FC Liverpool und Forever Reds gelten Kevin Keegan», schrieb der Club, mit dem Keegan vor seinem Wechsel nach Hamburg erfolgreich war. Auch seine Ex-Vereine Southampton und Newcastle United wünschten «King Kev», wie er oft genannt wurde, alles Gute.

Von Liverpool nach Hamburg

Geboren 1951 in Armthorpe, einem Vorort von Doncaster in South Yorkshire, beginnt Joseph Kevin Keegans Karriere beim heutigen Fünftligisten Scunthorpe United. 1971 wechselt er nach Liverpool, wo er zum Nationalspieler reift.

In sechs Jahren in Anfield schießt er mehr als 200 Tore. Er gewinnt dreimal die Meisterschaft, je einmal den FA Cup und den Europapokal der Landesmeister – den Vorgänger der Champions League – sowie zweimal den UEFA-Cup.

Auf der Suche nach einer neuen Herausforderung lässt sich Europas Fußballer des Jahres 1977 vom damaligen Manager Dr. Peter Krohn in die Bundesliga locken. Doch der spektakuläre Transfer zum Europapokalsieger HSV – für die damalige Rekordsumme von 2,3 Millionen Mark – droht zum Flop zu werden.

«In der ersten Saison hat er große Schwierigkeiten gehabt», erinnert sich Magath. «Kevin hing im ersten Jahr in der Luft, wie im Grunde die gesamte Mannschaft. Wir haben eine schlechte Saison gespielt.» Im europäischen Supercup wird der HSV zu Hause von Keegans Ex-Verein Liverpool mit 7:1 überrollt. Die Bundesliga beendet der HSV nur auf Tabellenplatz zehn.

Keegan sucht das Gespräch mit Krohns Nachfolger Günter Netzer. «An meinem allerersten Tag als HSV-Manager stürmte Kevin 1978 in mein Büro an der Rothenbaumchaussee», erzählte Netzer der «Bild». «Unverblümt erklärte er nach nur einem Jahr an der Elbe: „Damit du gleich Bescheid weißt: Ich will weg hier.“» Doch Netzer überredet ihn, an der Elbe zu bleiben.

Meister mit Hamburg

In der zweiten Saison läuft es. Mit 17 Toren hat Torjäger Keegan großen Anteil daran, dass der HSV unter Trainer Branco Zebec die deutsche Meisterschaft gewinnt. «Kevin war ein ganz wichtiger Baustein für diese Mannschaft», sagt Magath. «Er war ein super Teamplayer und ein super Mensch.»

Zweimal hintereinander bekommt der Engländer, der mit seiner sympathischen und zugänglichen Art Kollegen und Fans für sich einnimmt, den Ballon d’Or – als bislang einziger HSV-Profi. «Er war Vollprofi und uns in der Zeit voraus, was das ganze Auftreten gegenüber Medien und Fans betraf», erzählt Magath. «Dabei konnten wir viel von ihm lernen – seine komplette Außendarstellung. Er hat sogar eine Schallplatte gemacht.»

Im Jahr der Meisterschaft wird der Fußballer mit der Lockenmähne zum Popstar. Seine Single «Head Over Heels In Love» erreicht Platz zehn der Hitparade. Chris Norman und Pete Spencer von der Band Smokie hatten das Lied für ihn geschrieben und produziert.

Rückkehr auf die Insel

Viele deutsche Männer, die heute Mitte 40 sind, haben ihren Vornamen möglicherweise Kevin Keegan zu verdanken. Als er 1980 in seine Heimat zurückkehrt, trauern ihm die HSV-Fans lange nach. Beim FC Southampton und bei Newcastle United trifft Keegan anschließend munter weiter.

Rund acht Jahre nach dem Ende seiner aktiven Karriere kehrt er im Februar 1992 als Trainer nach Newcastle zurück, um den damaligen Zweitligisten vor dem Absturz in die dritte Liga zu retten. Er krempelt den Verein um, schafft den Klassenverbleib und führt Newcastle im Folgejahr in die Premier League.

Newcastle-Anhänger verpassen Keegan den Spitznamen «King Kev». Allerdings erlebt er dort eine seiner größten sportlichen Enttäuschungen. In der Saison 1995/96 ist das Team als Tabellenführer im Januar auf Meisterkurs. Doch die Magpies verspielen einen Vorsprung von zwölf Punkten und werden noch von Manchester United überholt.

Glücklos als englischer Nationaltrainer

Die damaligen Drittligisten FC Fulham und Manchester City führt Keegan ebenfalls schnell zum Aufstieg. Enttäuschend verläuft jedoch sein kurzes Engagement dazwischen. Als englischer Nationaltrainer ist er nur von Februar 1999 bis Oktober 2000 im Amt. Bei der EM 2000 scheitert England in der Vorrunde. Anschließend verlieren die Three Lions in der WM-Qualifikation das letzte Spiel im alten Wembley-Stadion gegen Deutschland mit 0:1.

Seine Popularität auf der Insel konnte diese Enttäuschung langfristig nicht beeinträchtigen. Besonders in Newcastle liegen sie ihm noch immer zu Füßen – und drücken ihm jetzt die Daumen. Beim Duell seines Ex-Clubs gegen seinen anderen Ex-Club Liverpool war kürzlich ein großes Banner im Stadion zu sehen: «Lang lebe King Kev, der Messias.»