Fußball

Ohne DFB, mit Russland: Was hat es mit der U15-WM auf sich?

Neues FIFA-Format: Die U15-WM als Festival.
Neues FIFA-Format: Die U15-WM als Festival. – Patrick Reichardt/dpa

Von Patrick Reichardt, dpa

Erstmals veranstaltet die FIFA eine WM für U15-Nationalteams. Der sportliche Aspekt könnte von Russlands Comeback und der Sportpolitik überlagert werden. Der DFB bleibt aus anderen Gründen fern.

Baku (dpa) –

Advertisement

Wer den Ort der russischen Rückkehr in den Weltfußball finden will, kommt mit seinem Smartphone nicht weit. Auf den einschlägigen Navigationsdiensten ist die hochmoderne Fußball-Anlage von Baku nicht zu finden – an der Stelle, an der Aserbaidschans Verband in kürzester Zeit zehn neue Kunstrasenplätze hat errichten lassen, ist eine große Brachfläche abgebildet.

Sportpolitische Brisanz

Doch genau an diesem kleinen Ort rund 20 Kilometer östlich vom Stadtzentrum von Baku steigt ab Samstag die erste U15-WM der männlichen Junioren in Form eines Festivals, zu dem die FIFA alle 211 Mitgliedsverbände eingeladen hat. Doch das Event ist mehr als ein globales Jugendturnier und dürfte auch sportpolitisch brisant werden.

Denn gut viereinhalb Jahre nach Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine wird Russland bei dem erstmals ausgetragenen Event in Baku sein Comeback im Weltfußball feiern. Was heißt das? Warum ist Deutschland nicht dabei und wie gehen andere Verbände mit dem Turnier um? Die wichtigsten Fragen zur U15-WM, die bis zum 30. Oktober dauert:

Advertisement

Wie läuft Russlands Rückkehr ab?

Bereits 2023 versuchten FIFA und UEFA, die russische U17 wieder für Spiele zuzulassen – das scheiterte am massiven Protest und aufgrund von Boykottdrohungen anderer Nationen. In Baku ist es nun so weit. Der Weltverband hat alle 211 Mitgliedsstaaten zu dem Turnier eingeladen – 189, darunter Russland, folgen dieser. FIFA-Boss Gianni Infantino, der als Befürworter einer Rückkehr Russlands gilt, wird ebenfalls beim Turnier erwartet.

Bei der XXL-WM werden insgesamt knapp 1000 Partien absolviert. An diesem Samstag (12.30 Uhr/MESZ) feiert Russland in der Gruppe AE gegen den Sudan sein Comeback. Danach warten Afghanistan, Dschibuti, Sierra Leone und die Türkei. In der folgenden K.o.-Phase sind auch die anderen Nationen als Gegner möglich.

Advertisement

Bei dem Event sind laut FIFA keine Hymnen vorgesehen. Die russische Fahne wird aber zu sehen sein. Der Weltverband hisst die Flaggen aller 189 teilnehmenden Nationen, wie es in Baku hieß.

Dort sind in den kommenden Tagen auch andere politisch heikle Konstellationen möglich. Sowohl Israel als auch Palästina nehmen an dem Turnier teil und könnten in der K.o.-Phase aufeinandertreffen. Das gilt auch für Serbien und Kosovo oder Spanien und Gibraltar. «Es ist ein Traum, alle aus der Welt beisammen zuhaben», sagte FIFA-Direktor Arsène Wenger.

Wie reagiert die Ukraine?

Sie ist aus sportlichen Gründen nicht dabei, hat aber entsetzt auf die Zulassung Russlands reagiert. «Die internationale Sportgemeinschaft muss ihre Geschlossenheit und konsequente Haltung bewahren und darf dem Aggressorstaat keinerlei Zugeständnisse machen», sagte Sportminister Matvii Bidnyi. 

Es handle sich um einen «direkten Versuch, den Russen eine Plattform zu bieten, auf der sie staatliche Symbole präsentieren und russische Propaganda verbreiten können», fügte der Politiker an. Die Ukraine ist nicht der einzige Staat, der dem Fußballfest in Baku fernbleibt. 18 der 22 Absagen kommen aus Europa. Doch einige davon haben nichts mit der politischen Lage und der Teilnahme Russlands zu tun.

Warum hat der DFB keine Mannschaft gemeldet?

Das gilt auch für den Deutschen Fußball-Bund, der seine Abwesenheit mit der hohen Spielbelastung und den in Baku befürchteten Berater begründet. «Wir beobachten die Tendenzen zu immer früherer Professionalisierung im Fußball mit Sorge. Hilft es der Persönlichkeitsentwicklung, wenn 14- oder 15-Jährige Berater mit wirtschaftlichen Interessen zu ihrem Umfeld zählen? Eine Teilnahme an einer WM befeuert so etwas», sagte der scheidende Sportgeschäftsführer Andreas Rettig auf dpa-Anfrage.

Man müsse nicht alles mitmachen, was die FIFA sich ausdenke. «Dazu kommt die ohnehin hohe sportliche Belastung der Spieler im Herbst. Diese würden wir genauso wie weitere Fehlzeiten in der Schule durch das Turnier zusätzlich intensivieren», erklärte Rettig. Der Schweizer Verband nannte «sportliche und technische Gründe» und erklärte, das Team befinde sich in einem laufenden Sichtungsprozess.

Abgesehen von den 18 Europäern haben die USA, Nordkorea, Eritrea und Libyen eine Teilnahme abgesagt. 

Wie funktioniert das Turnier?

Die üblichen Altersklassen für Junioren-Weltmeisterschaften sind U17 und U20. Die U15-Teams treten erstmals bei einem weltweiten Turnier gegeneinander an. 189 Nationen wurden auf 32 Gruppen von A bis AF verteilt. Gespielt wird auf der erst vor ein paar Wochen fertiggestellten hochmodernen Anlage in Hovsan östlich von Baku. Erst am Finaltag geht es in die größere Crystal Hall, wo einst der Eurovision Song Contest stattfand.

Spielberechtigt sind die Jahrgänge 2011 und 2012, die Kader sollen 14 Junioren beinhalten. Auf dem Rasen sind einige Regeln anders als im Profifußball. Auf einem deutlich kleineren Feld (68×47 Meter) wird acht gegen acht gespielt. Die Halbzeiten dauern 20 Minuten. Zuschauen können laut FIFA neben den freiwilligen Helfern nur Eltern und Betreuer.

Wird es die U15-WM künftig häufiger geben?

Ja, im kommenden Jahr ist eine U15-WM der Juniorinnen geplant. 2028 sollen dann beide Geschlechter bei dem neuen Format antreten. Bereits im kommenden Jahr wird Aserbaidschan erneut Austragungsort eines FIFA-Events: gemeinsam mit Usbekistan richtet der Staat am Kaspischen Meer die U20-WM aus.