Von Tobias Brinkmann, dpa
Bauerschaft gegen Weltstadt, ein Regionalligist gegen einen Bundesliga-Aufstiegsfavoriten: Jeddeloh II und Hertha BSC trennen Welten. Doch Zweitligisten liegen dem Underdog des DFB-Pokals.
Oldenburg (dpa) –
Ein kleines niedersächsisches Dorf aus der Regionalliga trifft auf die Millionenmetropole Berlin: Zwischen Jeddeloh II und der Hauptstadt liegen Welten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier der abstiegsbedrohte Viertligist aus der ländlichen Idylle im Ammerland, in der morgens die Traktoren über die Straßen rollen. Auf der anderen Seite der souveräne Zweitliga-Spitzenreiter Hertha BSC mit Großstadttrubel, Regierungsviertel und Weltstadtflair. In der zweiten Runde des DFB-Pokals rücken beide Clubs am Mittwoch (18.00 Uhr/Sky) in Oldenburg allerdings ganz nah zusammen.
«Im Ort ist natürlich der totale Hype», sagte Petra Knetemann, parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Edewecht, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Jeddeloh II gehört als Bauerschaft zur Gemeinde Edewecht und hat gerade einmal rund 1.300 Einwohner. Fast jeder zweite Einwohner ist im Verein SSV als Mitglied aktiv. «Ich finde, das ist eine tolle Quote. Da müssen erst mal andere lange für stricken, um das hinzubekommen», sagte Knetemann stolz. Von so einer Mitglieder-Quote sind die Berliner mit knapp vier Millionen Einwohnern meilenweit entfernt.
Zweites Wunder in Oldenburg?
Für einen Abend schrumpfen die ungleichen Clubs auf die Länge eines Fußballfeldes zusammen. Der heimische Platz ist mit 2.000 Rängen viel zu klein, wie schon beim Pokal-Coup in der ersten Runde gegen Heidenheim weicht der Club ins rund zwölf Kilometer entfernte Oldenburg aus.
Dort erlebte bereits der Bundesliga-Absteiger Heidenheim sein norddeutsches Fiasko. Mit 5:2 fertigte der Viertligist das Team von Trainer Frank Schmidt ab. Vielleicht sorgte allein schon der Name Jeddeloh II beim Zweitligisten für Verwirrung. Die römische Zwei gehört zum Dorf und dient der Unterscheidung. Jeddeloh I liegt nur wenige Kilometer entfernt und ist der deutlich ältere Ort.
«Ich glaube, es gibt keinen oder selten Vereine, die mit so einer geringen Einwohnerzahl oder so einem kleinen Dorf, das im Fußball so weit geschafft haben», erklärte Jeddelohs Verteidiger Niklas von Aschegel. Für ihn ist es das «Spiel des Jahres», sogar das «Spiel des Lebens». Denn, betonte Olaf Blancke, Sportlicher Leiter des Clubs: «Das ist keine normale Situation. Wir nennen uns Dorfverein und wir leben das auch so.» Blancke, Inhaber einer Physiotherapie, hat am Mittwoch ein straffes Programm. «Ich gehe ganz normal bis 15 Uhr arbeiten, dann gehe ich zum Fußball», schmunzelte er.
Bekannter Ex-Trainer, jetzt Abstiegssorgen
Trotz der ganzen Umstände hält sich Jeddeloh II seit der Saison 2017/18 in der Regionalliga Nord. Dabei gelang es dem Verein, in dieser Zeit bekannte Namen zu verpflichten. Der langjährige Bundesliga-Torhüter Oliver Reck coachte den Club von Ende 2019 bis 2022. Aktuell muss der Tabellen-13. um den Liga-Verbleib bangen. Auch deswegen trennte sich der Verein trotz des Pokal-Triumphs Anfang Oktober von Trainer Kristian Arambasic. Nachfolger ist Burak Bahar, von 2022 bis 2024 Jugendtrainer in der U17 bei Hertha BSC.
Vielleicht gelingt mit dem neuen Coach die nächste Pokal-Sensation. «Träumen darf man, träumen werden wir», sagte Kapitän Gazi Siala. Traumhaft sieht es in der Realität durch den Einzug in die zweite Runde auch finanziell aus. 684.566 Euro kassiert der Club an Prämien, hinzu kommen noch Erlöse aus dem Ticketverkauf. «In dieser Hinsicht steht uns eine ruhige Saison bevor», sagte Blancke. «Fast alle Regionalligisten bewegen sich finanziell am Limit.»
Ruhig soll es zumindest nach Abpfiff am Mittwoch nicht werden. «Wenn wir gewinnen, würde ich sagen, einen Abend Feuer frei», kündigte Blancke an. «Da wir in der Liga nicht so rosig dastehen, müssen wir uns ganz gepflegt auf Sonntag vorbereiten», erklärte er. Dann wartet der Bremer SV und es herrscht wieder Normalität in Jeddeloh II.
