Das Feuer der Olympischen Winterspiele ist erloschen – doch die nächste Flamme macht sich bereits wieder auf den Weg nach Mailand und Cortina d’Ampezzo. An diesem Dienstag wird im englischen Stoke Mandeville die Fackel für die Winter-Paralympics entzündet. Und mit ihr wird die Kontroverse über die Zulassung von Behindertensportlern aus Russland und Belarus mit Flagge und Hymne nach Italien getragen.
Wenn am 6. März im Amphitheater von Verona zum 14. Mal seit 1976 Winter-Paralympics eröffnet werden, beginnt auch auf der Weltbühne des Sports die erste Großveranstaltung, bei der die Nationalhymne Russlands seit mehr als einem Jahrzehnt wieder offiziell gespielt werden könnte.
Die Ukraine hat angekündigt, aus diesem Grund die Eröffnung zu boykottieren und verlangt zudem, dass ihre Fahne dort nicht wehen soll. Man sei «empört über die zynische Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees», dass sechs Sportler aus Russland und vier aus Belarus mit eigener Flagge und Hymne zu den Spielen zugelassen wurden.
IPC hebt den Bann auf
Wegen staatlich organisierten Dopings und vor allem wegen des seit vier Jahren andauernden Angriffskrieges von Russland auf die Ukraine durften einzelne Sportler aus dem Land des Aggressors zuletzt allenfalls als neutrale Athleten ohne Flaggen, Symbole und Hymne im internationalen Sport antreten. Gleiches galt für Belarus als Unterstützer der Invasion.
Das Internationale Paralympics Komitee (IPC) unter Führung des Brasilianers Andrew Parsons hatte den Bann bereits im vergangenen September aufgehoben. Die vier Weltverbände für Ski und Snowboard, Biathlon, Curling sowie Para-Eishockey, die Wettbewerbe bei Paralympics austragen, sperrten sich zunächst dagegen. Doch der Internationale Sportgerichtshof (Cas) urteilte nach einem Einspruch Russlands, dass der pauschale Ausschluss nicht rechtens ist.
Kritik italienischer Minister
Damit war der Weg frei, dass bei einem russischen oder belarussischen Sieg erstmals seit 2014 in Sotschi auch die entsprechende Hymne bei den Paralympics gespielt und die Flagge gehisst wird. Für Italiens Sportminister Andrea Abodi hätte dies «einen bestürzenden Wert und eine bestürzende Bedeutung», sagte er in einem Interview der Zeitung «Corriere della Sera».
Und weiter: «Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bilder fantastischer Paralympischer Spiele mit einem so bedeutenden ethisch-sozialen Wert im Fernsehen gefeiert werden – beginnend mit der Eröffnungszeremonie – mit einer Flagge, die auch an der Kriegsfront weht und ein Angreiferland repräsentiert, das weiterhin die Ukraine bombardiert und zivile Opfer verursacht.»
Zuvor hatte bereits Italiens Außenminister scharfe Kritik geübt. «Die italienische Regierung bringt ihre absolute Ablehnung gegenüber der Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees zum Ausdruck, sechs russische und vier belarussische Athleten zur Teilnahme an den Paralympischen Spielen in Mailand-Cortina 2026 zuzulassen», hieß es in einer Erklärung von Antonio Tajani.
Wenngleich Sportminister Abodi noch auf ein Umdenken im IPC hofft, räumte er ein, aus formaler und regeltechnischer Sicht sei die Entscheidung des Paralympischen Komitees legitim. «Wir können enttäuscht, traurig, bestürzt sein, aber wir müssen die Regeln respektieren», betonte der Politiker.
Reaktionen des deutschen Sports
Dies deckt sich mit der Position des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). «Das Urteil des höchsten Sportgerichtshofs in Verbindung mit einer Mehrheitsentscheidung der Generalversammlung des Internationalen Paralympischen Komitees haben wir zu akzeptieren, es widerspricht jedoch unserer moralisch-ethischen Grundhaltung, unseren sportlichen Wertvorstellungen – und ist aus unserer Sicht insbesondere für die Teilnehmenden aus der Ukraine unzumutbar», hatte der neue DBS-Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska jüngst erklärt.
Die viermalige alpine Paralympicssiegerin Anna-Lena Forster sieht die Situation mit gemischten Gefühlen. «Es hat natürlich einen superbitteren Beigeschmack, dass das Thema gerade bei den Spielen wieder so präsent ist und aufgepusht wird», sagte die Monoski-Fahrerin der dpa. In ihren Wettbewerben seien zwar keine ukrainischen Sportler am Start, aber russische, die sie schon seit vielen Jahren aus dem Weltcup kenne, so die 30-Jährige. «Für sie als Athleten ist es sicher auch keine einfache Situation. Aber wenn ich mir überlege, ich wäre ukrainischer Sportler und müsste im Wettkampf mit einem russischen Sportler unterwegs sein, dann wäre das sicher auch eine sehr heftige Situation.»

