Agit Kabayel hat ein Ritual: Sonntags entspannt der deutsche Boxstar in einer Sauna-Therme. Dort gönnte sich der 33-Jährige zuletzt auch etwas Ruhe, bevor er am Samstagabend in seiner Heimat im Ruhrgebiet vor großer Kulisse den nächsten Kampf bestreitet. Ein Sieg gegen den Polen Damian Knyba in Oberhausen soll den ungeschlagenen und klar favorisierten Profiboxer seinem heiß ersehnten WM-Duell näherbringen.
Bei seiner Wellness-Routine genießt der Bochumer Ruhe. Noch. «Ich finde das schön, dass ich zumindest in der Sauna einfach mal abschalten kann und dann einfach nicht von jedem Zweiten angesprochen werde», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.
Kabayel über mögliche Schmeling-Nachfolge: «Große Ehre»
Das könnte künftig immer schwieriger werden. Kabayel erhält möglicherweise noch in diesem Jahr die Chance, als zweiter deutscher Schwergewichtler nach Max Schmeling vor mehr als 95 Jahren den Weltmeistertitel zu gewinnen. «Es war keiner so nah dran wie ich», sagte er. «Das ist eine große Ehre, nach so vielen Jahren deutsche Boxgeschichte schreiben zu können.» Das deutsche Boxidol Henry Maske sagte zuletzt in einer DAZN-Dokumentation, dass er Kabayel die Schmeling-Nachfolge «definitiv» zutrauen würde.
Kabayel ist seit einigen Jahren der beste deutsche Schwergewichtsboxer und gehört auch international zu den besten. Der breiten Masse bekannt ist er hierzulande aber noch nicht. Das liegt auch daran, dass der deutsche Boxsport nach dem Boom zu Beginn des Jahrtausends an Sogwirkung verloren hat. Trotzdem ist Kabayels Popularität durch seine drei Knockout-Siege in der jüngeren Vergangenheit gegen anspruchsvolle Gegner zuletzt deutlich gestiegen.
Die Veranstaltung am Wochenende erinnert an große deutsche Boxzeiten, als Wladimir Klitschko 50.000 Menschen nach Düsseldorf lockte bei seiner Niederlage vor mehr als zehn Jahren gegen Tyson Fury. Innerhalb von fünf Tagen war das Kabayel-Duell in der 13.000 Zuschauer fassenden Rudolf-Weber-Arena ausverkauft. Der Beginn des Kampfs – übertragen beim Streaminganbieter DAZN mit zusätzlicher Gebühr – wird gegen 22.00 Uhr erwartet.
Kabayels Bilanz liest sich angesichts von 26 Siegen in 26 Profikämpfen ansprechend. Doch der Boxer mit kurdischen Wurzeln muss immer wieder um seine Akzeptanz kämpfen. Einen deutschen Kampfnamen lehnte er bewusst ab. «Wenn Deutschland es irgendwann akzeptiert, dass ein Agit Kabayel auch Deutsch sein kann, dann können wir große Meilensteine setzen», hatte er in der Vergangenheit gesagt.
Bönte: WM-Kampf in Deutschland «sensationell»
Kabayel verteidigt gegen den Polen Knyba den Interims-WM-Titel des Verbands WBC – und hat sich für einen WM-Kampf in erster Reihe positioniert. Das Rotationsprinzip der großen Weltverbände sorgt aber dafür, dass sich ein möglicher WM-Kampf zuletzt noch nicht ergeben hatte.
Ein Duell mit Oleksandr Usyk – aktuell Träger von drei Gürteln – wäre klangvoll. Der Ukrainer hatte allerdings von der WBC die Möglichkeit bekommen, dass er eine freiwillige Titelverteidigung durchziehen kann – und wird wohl im Frühjahr gegen den US-Amerikaner Deontay Wilder antreten. Kommt Kabayels möglicher kommender WM-Gegner der Pflichtverteidigung anschließend nicht nach, dann könnte der Bochumer aber auch ohne Zutun Weltmeister werden.
«Fakt ist, dass am Ende des Tages Druck auf den Verband und auf Usyk ausgeübt werden muss, damit er nach dieser freiwilligen Titelverteidigung im April/Mai gegen Wilder von der WBC gezwungen wird, den Kampf gegen Agit zu machen. Wir sprechen dann von einem Zeitpunkt von frühestens September/ Oktober», sagte Bernd Bönte auf dpa-Anfrage. Der frühere Manager der Klitschkos wird den Kampf in Oberhausen als Experte bei DAZN begleiten.
Kabayel konzentriert sich auf Kampf
Ein Grundproblem sei, dass der Verband WBC seine Pflichtverteidigungen «leider sehr lax» handhabe, sagte Bönte. «Und das ist Agits Problem», meinte der Experte. Sollte Kabayel also am Ende des Jahres einen WM-Kampf bekommen, ist das laut dem Experten wichtig für das deutsche Boxen. «Es wäre ein sensationell großer Kampf und ich sehe den auch in Deutschland, beispielsweise in einem Stadion in Düsseldorf oder auf Schalke, wo wir ja schon große Klitschko-Kämpfe veranstaltet haben.»
Kabayel will sich nicht mit diesen Themen beschäftigen. Erst wartet die Aufgabe gegen den etwa zehn Zentimeter größeren Knyba. «Alles andere, was danach kommt, ob es im Sommer kommt, ob es am Ende des Jahres kommt. Ich bin ready, ich bin bereit, um die WM zu boxen», sagte er. Wer sein Gegner in einem WM-Showdown wäre, ist ihm egal.
Kabayel ist ein unbequemer Boxer, bekannt für seine zerstörerischen Leberschläge. Bei einem seiner letzten Kämpfe gratulierte ihm Fußball-Weltstar Cristiano Ronaldo, beide posierten auf einem Foto. Dabei war sein Weg dorthin sehr hart und von Rückschlägen gezeichnet. Darunter eine Haftstrafe samt sechs Monaten Gefängnis, Selbstzweifeln in der Corona-Zeit.
Mit Fleiß und Disziplin sowie seinem langjährigen Trainer und Entdecker Sükrü Aksu boxte er sich in die Weltspitze. Seine Boxhose steht symptomatisch für Rückschläge. Sie trug der Familienvater schon zu Zeiten, als es finanziell noch nicht so gut lief. Die Erfolge erlebte sie zuletzt mit. «Da habe ich mir selbst irgendwann ein Versprechen gegeben: Ich behalte die Hose so lange, bis ich um die WM boxe», sagte Kabayel.

