Timo Boll in dem Hollywood-Film «Marty Supreme».

Nur eine Szene für einen Hollywood-Film zu drehen, dauert manchmal länger als jedes Weltmeisterschafts-Match. Das hat Timo Boll jetzt gelernt.

New York, ein Drehort für den Film «Marty Supreme»: An einem Tischtennis-Tisch stehen sich der deutsche Sportstar und der Hollywood-Schauspieler Timothée Chalamet («Like a Complete Unknown») gegenüber. Drei Stunden lang wiederholen sie Aufschlag um Rückschlag, bis genau fünf Ballwechsel exakt so aussehen, wie das Drehbuch es vorgibt. «Am nächsten Tag hatte ich einen höllischen Muskelkater», sagt Boll der Deutschen Presse-Agentur.

Acht Monate nach dem letzten Spiel seiner Karriere ist aus dem Tischtennis-Profi Boll ein Hollywood-Darsteller geworden. Der Rekord-Europameister hat eine kleine Nebenrolle in «Marty Supreme». Der Film ist für neun Oscars nominiert und feiert an diesem Mittwochabend im Düsseldorfer CineStar seine Deutschland-Premiere. Die Hauptrollen spielen der Bob-Dylan-Darsteller Chalamet und Gwyneth Paltrow. Inspiriert ist das Drama von der Lebensgeschichte des amerikanischen Tischtennis-Spielers Marty Reisman in den 1950er-Jahren.

Regisseur spielt mit Bolls Schläger

Wie genau Boll zu dieser Rolle kam, hat wie so häufig beim Film mit großem Denken und viel Hingabe zu tun. Der Regisseur Josh Safdie suchte für die Tischtennis-Szenen Darsteller, die das Spiel beherrschen und möglichst realitätsnah ein Turnier von 1952 nachspielen können.

Aber dazu kam noch: Der Tischtennis-Fan Safdie ist auch ein Fan von Boll. Er spielt privat sogar mit dem gleichen Schläger. Der Regisseur wollte genau diesen Spieler und keinen anderen. Und so flog Boll im Herbst 2024 mitten in seiner Abschiedssaison ohne jedes Casting zu den Dreharbeiten nach New York.

Mehr als 20 Jahre war der Deutsche in seiner Sportart der härteste Rivale der alles dominierenden Chinesen. Viermal stand er an der Spitze der Weltrangliste. Das machte ihn auch weit über die eigene Heimat hinaus bekannt. Im Moment aber wollen viele vor allem eines von ihm wissen: Wir war das mit Chalamet? Was für ein Typ ist das «zurzeit wohl größte Schauspieltalent der USA» («Der Spiegel»)?

Boll beschreibt Chalamet als «sehr aufmerksam. Sehr wissbegierig. Sehr respektvoll. Sehr höflich.» Und was ihm vor allem auffiel: Wie viele Parallelen es zwischen der Arbeit eines Schauspielers und der eines Leistungssportlers gibt.

Boll über Chalamet: «Dann ist er extrem fokussiert»

«Wenn er zum Set geht und am Set sich aufhält – dann sieht er rechts und links nichts. Dann ist er extrem fokussiert», erzählte Boll. «Das ist ähnlich wie bei uns Sportlern. Während des Wettkampfs schotten wir uns auch ab. Dann gibt es keine Autogramme, keine große Unterhaltung. Dann hebt man sich alle Energie für das Wesentliche auf.» 

Im Film spielt Boll einen Gegner der Hauptfigur: Vladimir Sebek, einen Tischtennis-Spieler aus der Tschechoslowakei. «Der 50er-Jahre-Stil, die Bewegung, die Technik, das Spiel mit einem Hartbrett-Schläger: Das alles mussten wir uns aneignen», sagt er. Dazu jeden Tag Haare schneiden und jeden Tag Rasur. «Damit der Look immer gleich aussieht.»

Post von der Schauspieler-Gewerkschaft

Überredet werden musste Boll dazu nicht. «Ich bin ein riesengroßer Filmfan», sagt er. «Ich habe mit 13 Jahren mein erstes Heimkino in mein Zimmer eingebaut.»

Jetzt ist er kein aktiver Profi mehr. Nur noch Werbepartner, Botschafter des deutschen Tischtennis oder Experte für den Streamingdienst Dyn. Er hätte also Zeit, gleich den nächsten Film zu drehen. Oder?

Boll muss lachen bei der Frage und erzählt dann: Er habe nach dem Drehschluss von «Marty Supreme» direkt Post von der Gewerkschaft der Schauspieler in den USA bekommen. «Sie könnten mich aufnehmen. Dann wäre ich in einer Datenbank und könnte gecastet werden.» Aber: «Ich glaube eher, dass das mein letztes Filmprojekt war. Schauspieler möchte ich nicht werden.»

Mitfiebern bei der Oscar-Verleihung

Nur für einen Abend wird dieses Gefühl noch einmal zurückkehren. Am 15. März werden die Oscars verliehen. Boll wird nicht nach Los Angeles fliegen, aber «mitfiebern», sagt er. «Bislang habe ich immer zu Leonardo DiCaprio gehalten. Jetzt hoffe ich aber zumindest dieses eine Mal, dass er ihn nicht bekommt und uns etwas übrig lässt».

Und dann? Falls «Marty Supreme» tatsächlich groß abräumt und der Name Timo Boll im Abspann eines Oscar-prämierten Films zu sehen sein wird? «Dann schmücke ich mich damit ein Leben lang wie Ralf Moeller mit seiner Gladiator-Rolle», sagt er und lacht erneut. «Dann schreibe ich das gern mit auf eine Autogrammkarte.»