Für Selina Grotian wird der Olympia-Traum zum Rennen gegen die Zeit. Als große Hoffnungsträgerin in die Saison gestartet, ist der bisherige Biathlon-Winter für die 21-Jährige eher ein Albtraum. Wohl nur noch zwei Chancen hat die Bayerin beim am Mittwoch mit der Frauen-Staffel beginnenden Heim-Weltcup in Ruhpolding, um sich ihren großen Kindheitstraum noch zu erfüllen.
«Der Druck ist schon sehr groß. Ich weiß natürlich, es sind nur noch zwei Rennen. Aber wenn ich mir zu viel Druck mache, funktioniert es nicht», sagte Grotian. «Ich muss einfach mental locker und von mir überzeugt bleiben, dass ich das noch schaffen kann.»
Sportdirektor Felix Bitterling bekräftige nach dem Abschluss des ersten Heim-Weltcups in Oberhof, dass man in Sachen Olympia-Qualifikation nach Ruhpolding eigentlich «einen Strich ziehen» wolle.
Corona-Infektion könnte Olympia-Traum zerstören
In der Vorsaison war Grotian im Weltcupteam und in der Staffel fester Bestandteil, holte im Dezember 2024 in Le Grand-Bornand mit dem Massenstart ihren ersten Weltcupsieg. Dazu kam ein zweiter Platz im Sprint von Antholz. Auch in diesem Winter war eine weitere Entwicklung des Youngsters fest eingeplant. Ihr klares Ziel: Teil der Olympia-Staffel und eine der vier Gesetzten im Antholz-Kader.
Doch nach einer guten Vorbereitung missglückte der Saisonstart in Östersund mit den Rängen 50 im Einzel und 30 im Sprint völlig. Dann kam Corona, Grotian musste die Weltcups in Hochfilzen sowie Le Grand-Bornand auslassen. Und mitansehen wie nach Julia Tannheimer auch Franziska Preuß, Vanessa Voigt, Janina Hettich-Walz und völlig überraschend Anna Weidel, in der Vorsaison fast nur im zweitklassigen IBU-Cup unterwegs, die Norm – einmal Top acht oder zweimal Top 15 – lösten.
«Ich brauche ein paar Rennen, um wieder in meinen Rhythmus zu kommen», sagte Grotian nach dem Weltcup in Oberhof, wo es auch nur zu Platz 30 im Sprint, einer Strafrunde bei Rang drei mit der Staffel und Rang 23 in der Verfolgung reichte. Vor allem beim Schießen passieren ihr noch zu viele Fehler. Bisher hat sie erst fünf Saisonrennen bestritten.
Sportdirektor lässt Hintertürchen offen
Sechs Startplätze hat der Deutsche Skiverband bei den Frauen für Antholz. Ursprünglich hatte Bitterling angekündigt, nur mit fünf Athletinnen nach Südtirol fahren zu wollen. Er begründete dies mit den lediglich vier Startplätzen pro Rennen. Dass eine Sechste zum Einsatz komme, sei relativ unwahrscheinlich.
Doch nun ließ der nach der Saison zum Biathlon-Weltverband IBU wechselnde Bitterling anklingen, vom ursprünglichen Plan vielleicht abzuweichen. «Wenn wir sehen, dass es für die eine oder andere in der Saison unglücklich gelaufen und sie richtig stark ist, werden wir sicherlich darüber nachdenken, mit sechs Athletinnen zu fahren oder eine Sechste später dazu zu holen», sagte er.
Damit könnte ein Hintertürchen für Grotian aufgehen. Wichtig sei, bei Olympia eine Mannschaft zu haben, «wo wir wirklich auf jeder Position für jede Wettkampfart gut besetzt sind», so der Sportdirektor.
Männerteam erst mit drei Qualifizierten
Bei den Männern, die fünf Startplätze haben, erfüllten nur Philipp Nawrath, Philipp Horn und Justus Strelow bisher die Norm, David Zobel die halbe. Nach guten Staffelleistungen in Oberhof bekommen er und Lucas Fratzscher in Ruhpolding eine weitere Chance.
«Ziel ist es, dass sich die Athletinnen und Athleten, die die Norm bislang noch nicht erfüllt haben, in Ruhpolding nochmals präsentieren und für das Olympia-Team empfehlen können», sagte Bitterling. Dazu gehören auch noch die erstmals in dieser Saison im A-Kader laufende Sophia Schneider sowie die bisher enttäuschenden Danilo Riethmüller und Johannes Kühn.
Die letzten Rennen vor Olympia in Nove Mesto werden laut Bitterling größtenteils mit einem B-Team bestritten, während die anderen sich in einem Höhentrainingslager auf den Saisonhöhepunkt vorbereiten. Die Rennen in Tschechien will er nicht noch für die Nominierung berücksichtigen müssen. «Es würde für den einen oder anderen die Vorbereitung ein bisschen durcheinander gewürfelt werden, wenn man noch nach Nove Mesto geht und dort auch noch diesen Ergebnisdruck hat», erklärte Bitterling.

